31.7.07

Deutsches Literaturarchiv Marbach ersteigert einen Brief Schillers

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach hat kürzlich bei Christie's in London mehrere wertvolle Autografen ersteigert, darunter einen längeren Brief von Friedrich Schiller an seinen vertrauten Freund Christian Gottfried Körner aus dem Jahr 1788. Das Schreiben ergänzt das Konvolut in Marbach. Die im 19. Jahrhundert zerstreute Korrespondenz mit diesem neben Goethe wohl wichtigsten Briefpartner Schillers ist im Deutschen Literaturarchiv Marbach zum großen Teil wieder zusammengeführt worden. Weiterhin wurden Briefe von Hofmannsthal, Rilke (an Harry Graf Kessler) und Josef Roth erworben, letzterer mit einer Invektive gegen die Gilde der Lektoren: »Denn die Impotenz macht einen Menschen zum Lektor und gerade was ich schreibe mißfällt den Impotenten ...«. Angekauft wurde auch eine Folge von 27 Briefen und Postkarten Franz Werfels aus den Jahren 1916/17 an die spätere Theoretikerin der marxistischen Psychoanalyse und Freundin Leo Trotzkis, Alice Rühle-Gerstel.

Kontakt:
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Schillerhöhe 8-10
71672 Marbach am Neckar
Tel.: 07144 / 848 - 0
Fax: 07144 / 848 - 299

Quelle: Pressemitteilung Deutsches Literaturarchiv Marbach, 24.7.2007

Labels:

17.7.07

Hervorragende Forschung - veraltete Struktur im Deutschen Literaturarchiv Marbach

Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) in Marbach ist im Jahr 2006 einer Evaluierung unterzogen worden. In seiner wissenschaftspolitischen Stellungnahme kommt der Wissenschaftsrat zu einem positiven Schluss. Das Deutsche Literaturarchiv ist eine Sammlungs- und Forschungsstätte für die neuere deutsche Literatur mit der Aufgabe, die handschriftlichen und gedruckten Quellen zu erhalten und für die wissenschaftliche Auswertung zugänglich zu machen. Für die Bewahrung, Erschließung und Vermittlung der deutsprachigen Literatur der Klassik wie auch des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart ist die Arbeit des Deutschen Literaturarchivs Marbach von zentraler Bedeutung. Sein über die nationalen Grenzen weit hinausreichender Ruf gründet sich vor allem auf die einzigartigen, stetig erweiterten Sammlungen, auf die Archivbestände und die darauf abgestimmte Spezialbibliothek mit entsprechenden Dokumentationen und Kunstsammlungen. Das in der Trägerschaft der Schillergesellschaft geführte DLA leistet hervorragende quellenbezogene, literatur- und geisteswissenschaftliche Forschung. Seine philologischen und editorischen Arbeiten, aber auch seine Ausstellungen und übrigen Veranstaltungen sind ein unverzichtbarer Service für Wissenschaft und Öffentlichkeit.

Das Deutsche Literaturarchiv Marbach begrüßte den Evaluationsbericht des Wissenschaftsrats als "ermutigendes und befeuerndes Signal". Die in weiten Partien "geradezu emphatisch positive Stellungnahme zu diesem international renommierten Institut befördert unsere Arbeit in der Zukunft und setzt damit ein starkes Zeichen im 'Jahr der Geisteswissenschaften'", sagte der Direktor der Institution, Professor Dr. Ulrich Raulff. Die Evaluationskommission unter Leitung von Frau Professor Dr. Erika Fischer-Lichte (FU Berlin) habe die Marbacher Institute in ihrer kulturpolitischen Bedeutung und ihrer wissenschaftlichen Leistung anerkennend beschrieben und gewürdigt, so Raulff. Die Auffassungen des Wissenschaftsrats deckten sich weitgehend mit den Intentionen und Initiativen des Hauses. Als besonders glücklich bezeichnete der Direktor die Empfehlung an Bund und Land zur dauerhaften Sicherung der finanziellen Trägerschaft der Institute. Die Einrichtung wird im Wesentlichen von Bund und Land mit einem jährlichen Zuschuss von jeweils 3,8 Mio Euro unterstützt. Der Landkreis Ludwigsburg, die Städte Marbach, Ludwigsburg und Stuttgart stellen weitere Geldmittel für die Einrichtung bereit.

Auch die dringende Aufforderung des Rats, das Stipendienprogramm des Hauses deutlich zu erhöhen und damit die – wie es in dem Gutachten heißt – "vorbildliche Nachwuchsarbeit" Marbachs weiter zu fördern, fand die volle Zustimmung des Direktors. Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Peter Strohschneider, hatte sich folgendermaßen dazu geäußert: "Ich bin überzeugt, dass die Neuorganisation der Leitungs- und Abteilungsstrukturen eine der ausschlaggebenden Voraussetzungen dafür ist, das DLA auch künftig als Forschungs- und Serviceinstitution von nationalem und internationalem Rang profilieren zu können. Wenn das DLA sich zudem darauf konzentriert, seine internationalen Kooperationen konsequent weiterzuentwickeln und die Nachwuchsförderung auf dem bisherigen sehr guten Niveau fortzuführen, wird es auch im 21. Jahrhundert seinen Rang als eine der national und international wichtigsten literatur- und geisteswissenschaftlichen Institutionen behaupten und ausbauen können." Als sehr nützlich und anregend bewertete Raulff die Anregungen zum Ausbau und zur Intensivierung der internationalen Wissenschaftsbeziehungen des Hauses.

Auch die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zu einer Überprüfung der Organisationsstruktur des Deutschen Literaturarchivs und seiner Trägerschaft wolle man aufgreifen und mit den Mitgliedern und Gremien der Deutschen Schillergesellschaft und den Mitarbeitern des Hauses vertiefend beraten. Zu dem Rat des wissenschaftspolitischen Gremiums, das Sammlungsprofil des Hauses dadurch schärfer zu konturieren, indem man sich beim Erwerb neuer Bestände an eindeutigen und transparenten Kriterien orientiert, sagte Raulff: "Das Sammlungsprofil Marbachs war nie schärfer umrissen als heute. Neben der deutschen Literatur von der Klassik bis in die Gegenwart sammeln wir nur noch auf zwei weiteren Gebieten: der Geschichte der Literaturwissenschaft respektive der Germanistik - und der Philosophie. Auf alle weiteren Wissenschaften, auch Geisteswissenschaften, müssen wir aus Gründen der Konsistenz und des Platzes verzichten. Mit der Philosophie freilich ist uns ein zweiter, bedeutender Schwerpunkt zugewachsen. Und dies ganz zu Recht: Sagen Sie mir, wie Sie einen zureichenden Begriff von der Geschichte der deutschen Literatur entwickeln wollen, ohne den schöpferischen, auch den sprachschöpferischen Beitrag der Philosophie zu würdigen?" Man wolle jetzt unverzüglich darangehen, die wertvollen Empfehlungen des Wissenschaftsrats so weit wie möglich umzusetzen. Insgesamt sei das Gutachten des Rats ein bedeutender Impuls für all diejenigen, die daran mitwirkten, Marbachs Platz im 21. Jahrhundert zu bestimmen.

Kontakt:
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Prof. Dr. Ulrich Raulff
Schillerhöhe 8-10/1
71672 Marbach
Tel.: 0 7144 / 848 - 100
Fax: 0 7144 / 848 - 191
Direktion@dla-marbach.de

Quelle: Pressemitteilung Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Baden-Württemberg, 13.7.2007; Pressemitteilung Deutsches Literaturarchiv Marbach, 16.7.2007; Pressemitteilung Wissenschaftsrat, 16.7.2007

Labels: ,

8.7.07

LWL-Volksliedarchiv sammelt Lieder aus Westfalen

"Komm ein bißchen mit nach Italien, komm ein bißchen mit ans blaue Meer..." klang es ab 1955 aus vielen bundesdeutschen Radios. Die Caprifischer, "rote Rosen, rote Lippen, roter Wein und Italiens blaues Meer" waren in aller Munde und prägten das Italienimage nachhaltig: Italien war in den 1950er und 60er Jahren zweifellos das beliebteste Reiseziel der Deutschen im Ausland. Doch viele Menschen konnten ihren Urlaub nur in der Heimat verbringen. Mit einem Lied auf den Lippen gingen sie auf Wanderschaft. Diese Lieder sammelt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) im Westfälischen Volksliedarchiv.

"Wird über Reiseziele gesprochen, so gerät leicht in Vergessenheit, dass bis in die 1950er Jahren der Urlaub in "Bad Meingarten" oder auf "Balkonien" sehr viel stärker verbreitet war als die Italienreise. Angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage leistete sich noch zu Beginn der 1950er Jahre nur ein Fünftel der Bevölkerung eine Urlaubsreise. Viele Menschen waren nach wie vor damit ausgelastet, ihre Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf zu organisieren. Andere hatten sich wirtschaftlich zwar schon ein wenig konsolidiert, sie maßen aber Luxusgütern wie z.B. einem Kühlschrank oder einem eigenen Auto größere Bedeutung bei", erläutert Christiane Cantauw, Geschäftsführerin der Volkskundlichen Kommission des LWL. Bei einer Umfrage des Allensbacher Institutes 1955 gaben noch 29 Prozent der Befragten an, sie hätten in ihrem Leben noch nie eine Urlaubsreise gemacht.
Teils notgedrungen, teils aber auch aus ehrlicher Überzeugung begaben sich laut Cantauw viele Zeitgenossen im Urlaub in die heimische Umgebung, deren Reize sie durchaus wahrnahmen, wie das Liedgut belegt:

"Ich bin so gern daheim, daheim in meiner stillen Klause. / Wie klingt es doch dem Herzen wohl, dies liebe traute Wort Zuhause. / Und nirgends auf der weiten Welt, bin ich befreit so von Beschwerden. / Ein braves Weib, ein herzig Kind, das ist mein Himmel auf der Erde",
lautet etwa die erste Strophe eines alten Volksliedes, das der Tierarzt August Lange aus Bad Laasphe-Feudingen (Kreis Siegen-Wittgenstein) der Volkskundlichen Kommission mitgeteilt hat.

Naturbegeisterung drückt sich in einem anderen alten Liedtext aus:

Seht den Himmel wie heiter, / Laub und Blumen und Kräuter, / Schmücken Feld und Hain. / Balsam atmen die Weste, / Und im schattigen Neste, / Girren brütende Vögelein. / Über grünliche Kiesel, / Rollt der Quelle Geriesel. / Purpur blinkender Schaum. / Und die Nachtigall flötet, / Und vom Abend gerötet, / Wiegt sich spiegelnd der Blütenbaum. / Alles tanzt vor Freude. / Dort das Reh auf der Heide. / Hier das Lämmchen im Tal, / Vögel hier im Gebüsche, / Dort im Teiche die Fische. / Tausend Mücken im Sonnenstrahl."

"Die älteren Liedtexte sprechen eine sehr eindeutige Sprache. Hier ist nicht von Sonne, Strand und Meer die Rede, sondern von der heimischen Tier- und Pflanzenwelt", erläutert Cantauw. Die Begeisterung für die Natur, die die Romantiker geweckt hatten, hielt nach ihren Angaben bis weit in die 1950er Jahre hin an. Seit den 1960er Jahren gab es aber kein Halten mehr: Spätestens jetzt war es nicht mehr der "schöne Wiesengrund", der Emotionen auslöste, sondern der Sonnenuntergang auf Capri.

Seit neuerer Zeit ist aber wieder ein gegenläufiger Trend zu beobachten: Deutschland als Reiseziel ist wieder "sexy" wie die Stern-Redaktion kürzlich feststelle. "Leider können wir diesen Trend nicht an bestimmten Liedern festmachen, denn nach dem Tod von Renate Brockpähler, die das Archiv bis 1990 betreut hat, konnten wir die Liedersammlung im Westfälischen Volksliedarchiv aus personellen Gründen nicht fortsetzen", bedauert Anne Wolf. Sie digitalisiert und erschließt derzeit in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt insgesamt 9.000 schriftliche Liedbelege und Tonaufnahmen, die zwischen 1900 und 1990 in ganz Westfalen zusammengetragen wurden.

Info:
Weitere Informationen zum Westfälischen Volksliedarchiv erhalten Interessierte unter: www.westfaelisches-volksliedarchiv.de oder montags bis mittwochs bei
Anne Wolf M.A.
Scharnhorststraße 100
48151 Münster
Tel.: 0251 83-25409
Fax: 0251 83-28393
wolfanne@uni-muenster.de

Quelle: LWL-Pressestelle, 3.7.2007

Labels: ,

6.7.07

Goethe- und Schiller-Archiv erwirbt zehn wertvolle Autographen

Zehn wertvolle Autographen - darunter Schriftstücke von Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe und Christoph Martin Wieland – hat das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar im Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt auf der jüngsten Auktion Ende Juni erworben. Zu den Neuerwerbungen gehört ein eigenhändiges Schreiben Johann Gottfried Herders vom 23. Juli 1799, das im Zusammenhang mit Herders Tätigkeit als Generalsuperintendent und Hofprediger des Herzogtums Sachsen-Weimar entstanden ist. Das an den Weimarer Bürgermeister Carl Adolf Schultze gerichtete Schreiben enthält eine Empfehlung für den „Hofkirchner Koch jun.“, den Herder für eine Anstellung in der Stadtkirche empfiehlt. Um ein kostbares Autograph handelt es sich auch bei dem bislang ungedruckten, vierseitigen Brief des Dichters Christoph Martin Wieland an Johann Wilhelm von Archenholtz vom 1. Oktober 1783. In dem inhaltsreichen Schreiben trägt Wieland dem Historiker Archenholtz seine Freundschaft an und berichtet von seiner Vorbereitung der großen Werkausgabe seiner sämtlichen Schriften. Die beiden neu erworbenen Goethebriefe stammen aus den Jahren 1804 und 1828. Mit den Handschriften kann die im Archiv vorhandene, mehr als 3.000 Briefe umfassende Sammlung der Goethebriefe ergänzt werden.

Kontakt:
Goethe- und Schiller-Archiv
Hans-Wahl-Str. 4
99425 Weimar
Tel.: 03643 / 545 - 240
gsa@klassik-stiftung.de

Quelle: Pressemitteilung Klassik Stiftung Weimar, 3.7. 2007; Monsters and Critics, 3.7.2007

Labels: , ,

25.6.07

Deutsches Literaturarchiv Marbach erhält einen Teil des Vorlasses von Martin Walser

Der Schriftsteller Martin Walser (geb. 1927) gehört zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Zuletzt erschienen von ihm der Roman »Angstblüte« (2006) und »Das geschundene Tier. Neununddreißig Balladen« (2007). Für sein Werk hat Walser zahlreiche Auszeichnungen und Preise erhalten, unter anderem den Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1990) und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1998). Martin Walser hat dem Deutschen Literaturarchiv Marbach nun einen bedeutenden Teil seines Archivs als Dauerleihgabe übergeben. Es umfasst die Manuskripte seiner wichtigsten erzählerischen und dramatischen Werke und stellt den Kernbestand des Walserschen Vorlasses dar. In den rund 30 Archivkästen befinden sich die Vorarbeiten und Handschriften zu so zentralen Prosawerken wie »Das Einhorn« (1966), »Der Sturz« (1973), »Jenseits der Liebe« (1976), »Ein fliehendes Pferd« (1978), »Seelenarbeit« (1979), »Das Schwanenhaus« (1980), »Brandung« (1985), »Brief an Lord Liszt« (1985), »Ohne einander« (1993),»Finks Krieg« (1996), »Ein springender Brunnen« (1998) und »Verteidigung der Kindheit« (1991). Manche Manuskripte umfassen fast 2000 Seiten. Außerdem hat Walser, der für seine Handschriften häufig die Rückseite von bedrucktem Papier verwendete, Dramen, Essays und seine Frankfurter Poetik-Vorlesungen nach Marbach gegeben. Bereits im Oktober 2004 hatte Walser mit dem Deutschen Literaturarchiv vereinbart, dass Marbach der endgültige Ort für die Bewahrung, Erschließung und Erforschung seines Nachlasses sein sollte. Walsers Bibliothek und Teile seines umfangreichen Archivs sollten zunächst noch in seinem Haus am Bodensee bleiben. Nun hat sich der Schriftsteller entschlossen, schon zu Lebzeiten einen Teil seines Archivs als Depositum nach Marbach zu geben.

Kontakt:
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Prof. Dr. Ulrich Raulff
Schillerhöhe 8-10/1
71672 Marbach
Tel.: 07144 / 848 - 100
Fax: 07144 / 848 - 191
Direktion@dla-marbach.de

Quelle: Pressemitteilung Deutsches Literaturarchiv Marbach, 11.6.2007

Labels: ,

21.6.07

Ordnung – eine unendliche Geschichte

Was hat Literatur mit Ordnung zu tun? Sehr viel. Denn erst die künstlerische Arbeit, die Entscheidung für eine Struktur macht aus einem Einfall Literatur. Es beginnt mit der Suche nach Ähnlichkeiten und Vorbildern, dem Sortieren, Auflisten, Einreihen, Umstellen und Archivieren von Ideen. Die Umsetzung eines poetischen Systems, die Wahl einer Gattung, eines Bauplans oder einer Strophe, machen die höheren Ordnungen der Literatur sichtbar. Autoren, das zeigt der Blick in die Bestände des Deutschen Literaturarchivs Marbach, sind weniger mit der Verarbeitung ihrer Erlebnisse beschäftigt als mit den Formalismen der Literatur: Sie machen sich Gedanken zur Kürze oder Länge eines Textes, zu Kontur und Größe, zu Schriftart und Farbe des Papiers. Die poetische wie auch die pragmatische Ordnung führt mitten hinein in den Kernbestand der Literatur – und des Archivs. Denn ohne Materialsammlungen und Vorarbeiten, ohne das Archiv des Schriftstellers wäre das spätere Werk undenkbar.

»Ordnung – eine unendliche Geschichte« heißt die große Sommerausstellung, die vom 21. Juni bis zum 21. Oktober 2007 im Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in Marbach am Neckar diesen Ordnungssystemen von Autoren nachspürt. Eingebunden in das Jahresthema 2007, »Ordnen«, geht sie in über 200 Beispielen jenen Spuren nach, welche die immanenten Ordnungen der Literatur in ihrer Werkstatt – im Büro der Autoren – hinterlassen haben. Exponate von Wieland, Klopstock, Jean Paul, Schiller, Goethe, Hölderlin, Hegel, Eichendorff, Mörike, Fontane, Nietzsche, Rilke, Schnitzler, Hesse, Lasker-Schüler, Wolfskehl, Benn, Döblin, Tucholsky, Kästner, Heidegger, Jünger, Broch, Niebelschütz, Celan, Bobrowski, Andersch, Kaschnitz, Langgässer, Morgner, Blumenberg, Pastior und Sebald laden den Besucher in vier Räumen zur Betrachtung ein.

Ziel der großen Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne (Kuratorinnen: Heike Gfrereis und Helga Raulff) ist es, die Bestände des Deutschen Literaturarchivs mit der Idee der Ordnung zum Leuchten und Funkeln, Zünden und Sieden zu bringen. Die Ordnung macht sichtbar, was im Kopf des Autors verborgen war und oft erst nach einem langen Arbeitsprozess zum Vorschein kam. Die Ausstellung geht von den einfachen, äußeren Formen der Ordnung – dem Sammeln und Verpacken – aus und dringt zu den komplizierten inneren poetischen Formen des Textes vor, dem Durchzählen und Ausrechnen von Reim, Strophe, Metrik und Rhythmus. Sie beginnt bei den Kisten und Päckchen der Autoren aus den Sammlungen des Archivs und endet beim Kosmos im Kasten, der Ordnung des Archivs.

Transparent werden in der Ausstellung so auch die einfachen wie die komplexen Ordnungen der Bestände: Den Prinzipien des Sammelns und Aufräumens, Planens und Überarbeitens, der poetischen Ordnung des Textes, dem Verhältnis der Fiktion zur außersprachlichen Wirklichkeit und dem Zusammenhang von Biografie und Literatur widmet die Marbacher Ausstellung insgesamt acht Sektionen. Sie zeigt, wie am Ende dieses kreativen Ordnungs- und Schreibprozesses auch die Träume der Schriftsteller vom besseren, wenigstens nicht vergeblichen Leben zum Vorschein kommen: Sichtbar werden utopische Welten, Leidens- und Liebesordnungen auf Papier, einzigartige Lebensbücher und Symbole des menschlichen Geistes.

Neue Ordnungen des Schreibens und des Wissens entstehen, wo das Archiv die Literatur der Gegenwart berührt. Daher haben die Kuratorinnen nicht nur das Archiv durchforstet, sondern auch prominente, Marbach verbundene Schriftsteller gefragt, wie sie Ideen entwickeln, systematisieren und aufbewahren. Einblick in ihre Werkstatt und Schreibordnungen geben in der Ausstellung Nico Bleutge, Durs Grünbein, Daniel Kehlmann, Martin Mosebach, Hertha Müller und Botho Strauß. Sie haben Vorarbeiten und Manuskriptseiten, Pläne und Wortsammlungen aus ihren eigenen Archiven ausgeliehen. Ihre Leihgaben bringen die lebendige Literatur ins Archiv, sind die Gegenprobe zu den Schriften der toten Dichter. Für Kinder und Schüler bietet die Literaturvermittlung des Deutschen Literaturarchivs (LiMoLab) während der Dauer der Ausstellung besonderen Führungen und Workshops an. Zur Ausstellung erscheint auch ein Katalog.

Info:
Marbacher Katalog 61: Ordnung. Eine unendliche Geschichte. Herausgegeben vom Deutschen Literaturarchiv Marbach. 2007. 258 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen. Broschiert. (ISBN 978-3-937384-31-3.) 20,- Euro.

Begleitprogramm der Ausstellung:
Zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, 21. Juni 2007, 19 Uhr, sprach der Schriftsteller Martin Walser über die »Hingeschriebenheit« der Dinge und die notwendige Unschuld von Tagebüchern. Ein Sommerfest mit dem Autor Feridun Zaimoglu, der nach dem Richtigen und Falschen in der Literatur fragt, sowie kostenlosen Führungen durch die Ausstellung findet am Sonntag, 1. Juli 2007, ab 11 Uhr, statt. Die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer führt im Oktober zum Thema Liebes(un-)ordnungen durch die Ausstellung. Bei der Finissage am 21. Oktober 2007 spricht die Schriftstellerin Brigitte Kronauer über das Wegwerfen als Ordnungsprinzip. Am 14./15. Dezember 2007 widmet sich eine große öffentliche Tagung im Literaturarchiv dem Jahresthema »Ordnen« unter poetischen und wissenschaftlichen Gesichtpunkten.

Kontakt:
Deutsches Literaturarchiv Marbach
Prof. Dr. Ulrich Raulff
Schillerhöhe 8-10/1
71672 Marbach
Tel.: 0 7144 / 848 - 100
Fax: 0 7144 / 848 - 191
Direktion@dla-marbach.de

Quelle: Pressemitteilung Deutsches Literaturarchiv Marbach, 19.6.2007

Labels: ,

19.6.07

Neuer Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar

Am 13. Juni 2007 hat der Stiftungsrat der Klassik Stiftung Weimar unter Vorsitz von Kultusminister Prof. Jens Goebel den Germanisten Dr. Bernhard Fischer zum neuen Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs berufen. Als Nachfolger des am 6. März 2007 in Ruhestand getretenen Dr. habil. Jochen Golz (siehe Bericht vom 13.3.2007) empfahl sich Dr. Fischer vor allem durch seine fünfzehnjährige Tätigkeit als Leiter des Cotta-Archivs - dem bedeutendsten und besterschlossenen Verlagsarchiv des 19. Jahrhunderts in Deutschland - im Deutschen Literaturarchiv Marbach (DLA). Die Anforderungen des Forschungsmanagements und die Vermittlung der Archivtätigkeit sind ihm durch die Betreuung der Marbacher Forscher und Stipendiaten sowie durch die Konzeption von Ausstellungen und Publikationen zum Archivbestand bestens vertraut.

Dr. Bernhard Fischer, geboren 1956 in Bitburg, leitet seit 1992 das Cotta-Archiv im DLA. Dort hatte Fischer bereits von 1988 bis 1991 die Bibliographische Arbeitsstelle im DLA mit dem DFG-Projekt „Repertorium deutschsprachiger literarischer Zeitschriften 1945-1970“ geleitet. Von 1995 bis 1997 leitete er das DFG-Projekt „Repertorium der Briefe von Johann Friedrich Cotta (1764-1832)“, das von Helmuth Mojem durchgeführt wurde. Von 1992 bis 1997 vertrat er das DLA im International Council on Archives/Council of Literary Archives, seit 2003 ist er Korrespondierendes Mitglied der Historischen Kommission des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Fischer studierte Deutsche Philologie, Kunstgeschichte und Philosophie in Bonn und wurde dort 1984 mit einer Studie zu Thomas Bernhards Erzählung „Gehen“ promoviert. Zur Weimarer Klassik forschte Fischer bereits als DFG-Postdoc von 1986 bis 1988, das Goethe- und Schiller-Archiv besuchte er 1997 als Stipendiat.

Als wichtige Neuerungen plant Dr. Bernhard Fischer, das zentrale Archiv der deutschsprachigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts auch für interessierte Laien zu öffnen, indem er z.B. öffentliche Führungen anbietet. Darüber hinaus soll das Archiv aber auch weiterhin Wissenschaftlern für Forschungszwecke zur Verfügung stehen und der Kontakt zur internationalen Forschung verstärkt werden. Geplant sind des Weiteren umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen für die vom Zerfall bedrohten Handschriften, für die bis zum Jahr 2015 jährlich 125 000 Euro vom Stiftungsrat der Klassik Stiftung Weimar zur Verfügung gestellt werden.

Kontakt:
Klassik Stiftung Weimar
Goethe- und Schiller-Archiv
Hans-Wahl-Straße 4
99423 Weimar
Tel.: 03643 / 545 - 240
Fax: 03643 / 545 - 241
gsa@klassik-stiftung.de

Quelle: Pressemitteilung Klassik Stiftung Weimar, 13.6.2007; dradio.de, 14.6.2007; Monsters and Critics, 14.6.2007; news.search.ch, 15.6.2007

Labels: ,

3.5.07

Neue Nachlässe und Archive im Schweizerischen Literaturarchiv

Im vergangenen Jahr konnte das Schweizerische Literaturarchiv SLA der Schweizerischen Nationalbibliothek NB ungewöhnlich viele Nachlässe und Archive erwerben. Zusätzlich zum Archiv von Peter Bichsel und dem Nachlass von Mani Matter gelangten die Archive und Nachlässe von Anne-Lise Grobéty, Felix Philipp Ingold, Ingeborg Kaiser, Kurt Marti, Klaus Merz, Meret Oppenheim, Erica Pedretti, Werner Weber und Urs Widmer in die Bestände des SLA. Die Dokumente werden nun im SLA erschlossen und stehen anschliessend zu Forschungszwecken zur Verfügung. Die Mehrheit der Neuerwerbungen des letzten Jahres stammt von zeitgenössischen Autorinnen und Autoren, die mitten in ihrem Schaffen stehen. Ausnahmen sind die Nachlässe Mani Matter, Meret Oppenheim und Werner Weber. Mit letzterem gelangt der Nachlass eines der einflussreichsten Schweizer Literaturkritiker und -förderer des 20. Jahrhunderts ins SLA.

Anne-Lise Grobéty, 1949 in La-Chaux-de-Fonds geboren, schrieb ihren ersten Roman ,Pour mourir en février" mit 18 Jahren und erhielt dafür den ,Prix Georges-Nicole". Der Roman stellt die bürgerliche Ordnung radikal in Frage. Seit ihrem Erstlingswerk gehört Grobéty zu den bedeutendsten Autoren der Romandie. Sie publiziert in regelmäßigen Abständen viel beachtete Romane und Erzählbände; ihr neuestes Werk ,La Corde de Mi", ein großer Roman, der von der Suche nach dem Ursprung des Erzählens handelt, erschien im November 2006. Im Jahr 2000 erhielt sie den Prix Ramuz für ihr Gesamtwerk.

Felix Philipp Ingold wurde 1942 in Basel geboren. Er ist Schriftsteller, Übersetzer, und Kritiker. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 war er Professor für russische Kultur- und Sozialgeschichte an der Hochschule St. Gallen. Sein Werk umfasst poetologische Essays (etwa ,Literatur und Aviatik", ,Der Autor am Werk"), erzählerische Prosa (,Haupts Werk", ,Leben Lamberts"), Hörspiele und Gedichte (,Wortnahme"), Ingold wurde wiederholt mit Preisen ausgezeichnet, darunter der Grosse Literaturpreis des Kantons Bern 1998 und der Manuskripte-Preis 2001. Das SLA hat das literarische Archiv als Geschenk vom Autor erhalten und eine Sammlung von Kunstwerken und Künstlerkorrespondenzen erworben.

Ingeborg Kaiser wurde 1930 in Neuburg/Donau (D) geboren; lebt in Basel und schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Sie ist Hausautorin am Stadttheater Chur. Ihre jüngste Publikation ist ,Roza und die Wölfe. Biografische Recherchen zu Rosa Luxemburg" (2002).

Kurt Marti, der 1921 in Bern geborene Pfarrer, gehört zu den einflussreichsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Sein umfangreiches literarisches Werk umfasst neben philosophisch-theologischen Essays auch seine sprachexperimentellen, subversiven Lyrikbände (etwa ,republikanische gedichte" von 1959 oder ,gedichte am rand" von 1963), die ihm den Ruf des "engagierten" Dichters einbrachten, sowie zahlreiche Prosatexte (z.B. ,Dorfgeschichten" 1960, ,Bürgerliche Geschichten" 1981). Marti erneuerte die religiöse Lyrik und verschaffte ihr ein breiteres Publikum, indem er sprachspielerisch in mundartlichen Gedichten Aspekte christlichen Lebens in der modernen schweizerischen Gesellschaft aufgriff.

Klaus Merz, 1945 in Aarau geboren, lebt heute als freischaffender Autor in Unterkulm. Am Beginn seiner literarischen Karriere stehen lyrische Publikationen wie "Mit gesammelter Blindheit" (1967) oder "Vier Vorwände ergeben kein Haus" (1972). Mit seinem Roman "Jakob schläft" gelang ihm der internationale Durchbruch, der Roman ist in der Zwischenzeit in verschiedene Sprachen übersetzt worden. Ein großes Gewicht legte Merz auf die Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern. Für sein literarisches Schaffen ist Klaus Merz mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

Meret Oppenheim (1913-1985) gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des magischen Surrealismus. Schlagartig berühmt wurde sie 1936 mit ihrem Objekt "Frühstück in Pelz", einer pelzbezogenen Teetasse. Neben ihrem bildnerischen Schaffen war sie auch literarisch tätig. Ihre Traumschriften sind als Preziosen publiziert. Ihre Werkverzeichnisse sind eigenständige Kunstwerke. Einen Teil des literarischen Nachlasses hat die mit Meret Oppenheim befreundete Familie Bürgi, dem SLA als Dauerleihgabe übergeben.

Erica Pedretti, 1930 in Sternberg, Nordmähren, in der heutigen Tschechischen Republik geboren, kam 1945 als Flüchtling in die Schweiz. Sie ist sowohl Schriftstellerin als auch bildende Künstlerin. Die autobiographische Doppelperspektive auf die fremde Heimat zieht sich vom Frühwerk ,Harmloses, bitte" (1970) bis zu ihrem als Trilogie angelegten Spätwerk ,Engste Heimat" (1995) und ,Das Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte" (1998). Ihre hochreflektierte Prosa weist sie seit über dreissig Jahren als Gegenwartsautorin von internationalem Rang aus. Erica Pedretti hat zahlreiche Preise erhalten, u.a. den Preis der Schweizerischen Schiller Stiftung (1975), den Ingeborg Bachmann-Preis (1984), den Mitteleuropäischen Vilencia Preis 1999. Neben ihrem literarischen Archiv hat das Schweizerische Literaturarchiv exemplarische künstlerische Arbeiten erworben.

Werner Weber (1919 - 2005) war von 1946 bis 1973 bei der Neuen Zürcher Zeitung Redaktor im Ressort Literatur, Kunst, Wissenschaft, das er von 1951 an als Ressortchef leitete. Während seiner Zeit bei der NZZ erwarb er sich den Ruf eines einfühlsamen Kritikers und verständnisvollen Förderers von Autorinnen und Autoren. Im Feuilleton der NZZ veröffentlichte er früh schon Texte zuerst von Dürrenmatt und Frisch, später von Otto F. Walter, Hugo Loetscher, Adolf Muschg und Hermann Burger. 1973 wurde Werner Weber auf den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Literaturkritik der Universität Zürich berufen, den er bis 1987 innehatte. Das SLA hat seinen Briefnachlass als Geschenk erhalten.

Urs Widmer, geboren 1937 in Basel, arbeitete nach seinem Studium als Lektor bei den Verlagen Walter und Suhrkamp. Er hat ein umfangreiches erzählerisches und dramatisches Werk verfasst. Seine Erzählung ,Der blaue Syphon" und der Roman ,Der Geliebte der Mutter" gehören zu den erfolgreichsten Texten der neueren deutsch­sprachigen Literatur, sein Theaterstück ,Top Dogs" wurde und wird weltweit gespielt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Friedrich Hölderlin-Preis 2007 der Stadt Bad Homburg.

Kontakt:
Schweizerisches Literaturarchiv
Dr. Irmgard Wirtz
Hallwylstrasse 15
CH-3003 Bern
Tel.: +41 (0) 31 / 322 - 9258 oder - 8972
Fax: +41 (0) 31 / 322 - 8463
arch.lit@nb.admin.ch
Irmgard.Wirtz@nb.admin.ch

Quelle: Pressemitteilung Bundesverwaltung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, 30.4.2007

Labels: , ,

27.4.07

Peter Suhrkamps Erbe - Einblicke in ein ungewöhnliches Archiv

Peter Suhrkamp und sein Verlag stehen für den kulturellen Wiederaufbau: Suhrkamp erhielt 1945 die erste Verlagslizenz, sein Programm prägte die geistige Identität der jungen Republik. Der Verleger wirkte im Stillen als Katalysator bei der Entstehung von Werken; er gab Autoren wie Hermann Hesse, Bertolt Brecht und Max Frisch, die intellektuelle Heimat, in der herausragende Literatur entstehen konnte. Eines der bedeutendsten deutschen Literaturarchive der Moderne gehört zu den Schätzen der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Im Dezember 2002 wechselte die beispiellose Sammlung geisteswissenschaftlicher Quellen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus den Kellern des Suhrkamp Verlags in der Lindenstraße auf den Campus Westend, und das "Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität" nahm 2003 seine Arbeit auf. Der Archivar Wolfgang Schopf gewährt in seinem Beitrag für Forschung Frankfurt 1/2007 einen spannenden Blick in einige der umfänglichen Materialien, deren wissenschaftliche Erforschung erst in den Anfängen steckt.

Aus den nur grob geordneten Materialien, die in Umzugskisten zum Grüneburgplatz gebracht werden, wächst langsam ein funktionsfähiges Archiv, auf das Wissenschaftler aus dem In- und Ausland immer häufiger zugreifen. Die Peter Suhrkamp Stiftung stellte der Universität in der ersten Phase ein etwa 250.000 Blatt umfassendes Konvolut als Dauerleihgabe zur Verfügung, damit der Verbleib des Bestandes in Frankfurt, seine wissenschaftliche Aufarbeitung und seine Erschließung für die Forschung gewährleistet werden. Dazu gehören heute bereits der Nachlass des Verlagsgründers Peter Suhrkamp sowie sämtliche Korrespondenzen des Verlags, die erhaltenen Manuskripte und Herstellungsunterlagen sowie die Rezensionen der Bücher aus dem ersten Verlagsjahrzehnt bis zur Übernahme der verlegerischen Verantwortung durch Siegfried Unseld im Jahr 1959. Hinzu kommt die Korrespondenz des Insel Verlags mit seinen Autoren von 1945 bis 1963.

Der Großteil der Dokumente lässt sich in drei Gattungen gliedern: die Korrespondenz der Autoren mit dem Verleger oder den Lektoren, in der die Entstehung von Literatur in Perspektive auf den Autor transparent wird, Herstellungsunterlagen (wie Druckfahnen mit Autorenkorrekturen), in denen die vielen Schritte des Manuskripts auf dem Weg zum Buch deutlich werden, und zeitgenössische Rezensionen sowie weitere Reaktionen meinungsbildender Instanzen, womit die Wechselwirkung von Literatur und öffentlichen Diskursen nachvollziehbar wird.

Die Kooperation mit der Stiftung ist langfristig angelegt. Im Abstand von fünf Jahren wird die Peter Suhrkamp Stiftung dem Archiv Dokumente aus den folgenden Dekaden aushändigen: Bis zum Ende dieses Jahres wird das gesamte Material aus den 1950er Jahren dem Archiv übergeben sein, von 2008 bis 2013 folgen dann die Unterlagen aus den 1960er Jahren und so fort. Das Archiv ist administrativ dem Fachbereich Neuere Philologien zugeordnet. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Volker Bohn, das Archiv wird betreut von dem Germanisten Wolfgang Schopf.

In der Aufbauphase genießen die konservatorische Sicherung und die Erschließung der Dokumente Priorität; dennoch steht das Archiv bereits Besuchern offen. Zudem präsentiert das Archiv Teile des Bestands mit der Veranstaltungsreihe "Hauslesung", die jeweils am letzten Donnerstag des Semesters stattfindet und sich inzwischen zu einem "Jour fixe" im kulturellen Leben Frankfurts entwickelt hat. Im Mittelpunkt der Hauslesung standen bisher Walter Benjamin, Max Frisch, Hermann Hesse, Wolfgang Koeppen und Marcel Proust. Werfen Sie einen Blick auf ausgewählte und kommentierte Dokumente des Archivs und lesen Sie in der neuen Ausgabe von "Forschung Frankfurt" mehr darüber, wie Peter Suhrkamp die Entwicklung der Literatur nach 1945 beeinflusst hat.

Kontakt:
Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität
DSL 2
Wolfgang Schopf
Grüneburgplatz 1
60629 Frankfurt am Main
Tel.: 069 / 798 - 32443
schopf@archiv-suhrkamp-stiftung.de

Quelle: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Uni-Protokolle, 25.4.2007

Labels: ,